Es geht Schlag auf Schlag für Marius Bear in diesem Jahr: Tour im Frühling, Festivaltour den Sommer über und nun wiederum Clubtour im Herbst. Den Auftakt dazu macht der Appenzeller in der Chollerhalle Zug, wo er unter anderem bislang ungehörte Songs präsentieren wird.
Marius Bear, 2022 und 2023 waren zwei Jahre mit hohen Hochs und tiefen Tiefs für Sie. Was ziehen Sie für das aktuelle Jahr für ein persönliches Zwischenfazit?
Intensiv trifft es wohl am besten. Angefangen hat es mit einer äusserst gelungenen Clubtour im Frühling, gefolgt von den Festivalauftritten im Sommer. Nun sind wir bereit für die Herbsttour, bevor ich mir dann im Januar eine kleine Auszeit gönne.
Werden Tourneen im Verlaufe anstrengend oder erhalten Sie vom Publikum so viel Energie zurück, dass sich Ihr Akku gar nicht leert?
Das Touren kann schon an die Substanz gehen, insbesondere die Konzeptplanung und das Füttern der Social-Media-Kanäle. Die Auftritte und das Bei-den-Leuten-Sein ist das Kleinste und das, was ich am liebsten tue.
Dürfte für Sie jedes Jahr so auftrittsreich sein oder mögen Sie es auch, sich für längere Zeit zurückzuziehen, um in Ruhe an neuer Musik zu arbeiten?
Es wäre natürlich schön, sich zurückziehen zu können, um sich voll der Arbeit an neuen Songs zu widmen. Aber finanziell geht dies leider nicht auf. Und sich durch Kultursubventionen tragen zu lassen, ist meiner Meinung nach auch nicht der ideale Weg. Ich habe mir gesagt, dass ich regelmässig auftrete, damit ich dafür musikalisch Vollgas geben kann.

Der Appenzeller begeistert unter anderem durch seine einzigartige Stimme. Bild: Rob Lewis Photography
Arbeiten Sie während einer Tour an neuen Songs oder liegt der Fokus dann voll und ganz auf den Auftritten?
Meist ist es schon besser, wenn die Aufmerksamkeit auf den Auftritten liegt. So kann man das abliefern, worauf man hingearbeitet hat. Im Anschluss an das Konzert geht es darum, für das Publikum da zu sein. Manche BesucherInnen haben eine sehr tiefe Verbindung zu deiner Musik, verbinden persönliche Ereignisse damit. Am Ende des Abends ist der Akku dann jeweils ziemlich leer. Als Musiker sehe ich mich als eine Art Gastgeber.
Als Gastgeber?
Du lädst die Leute ein; in diesem Falle nicht zu dir nach Hause, sondern in den Club. Du bist für sie da und dabei ist wichtig, dass deine volle Aufmerksamkeit auf dem Auftritt liegt, denn so kannst du für die Leute ein Live-Erlebnis schaffen, das ansonsten nicht möglich wäre.
Was haben Sie für ein Rezept, um nach einem intensiven Tag mit Konzert oder Studiosession runterzufahren?
Oftmals finden die Konzerte am Freitag und Samstag statt. Dann widme ich den Sonntag jeweils voll meiner Verlobten, wir gehen spazieren oder hängen zuhause rum. Hauptsache, weg von den Menschen (lacht). So kann ich den Akku wieder aufladen, denn zwei Shows hintereinander kosten sehr viel Energie.
Sie standen schon auf der vielleicht grösstmöglichen Bühne mit dem ESC, treten aber oftmals auch im eher intimen Rahmen auf. Was von beidem sagt Ihnen mehr zu?
Die Orte und Locations, an denen ich bei meinen Clubtouren auftrete, haben für mich die perfekte Grösse. Es bietet sich die Möglichkeit für eine grosse Show, aber es lässt sich auch eine Wohnzimmeratmosphäre kreieren. Ich begann meine Karriere mit Strassenmusik und Stubenkonzerten, entsprechend bin ich es mich gewohnt, Nähe zum Publikum zu schaffen. Und klar, beim ESC galt es, möglichst gross zu wirken. Ich selbst mag beide Ansätze.

Marius Bear hat mit seiner Band in diesem Jahr bereits eine Club- und eine Festivaltour hinter sich. Hier beim Stars in Town in Schaffhausen. Bild: CODYCREATE Media
Wie stark stellen Sie während einer Tour jeweils die Setlist um?
Auf der Clubtour haben wir eine ziemlich fixe Setlist, weil wir dann im Rhythmus sind und die Abläufe verinnerlicht haben. Bei Privatshows wird mehr aus dem Bauch heraus entschieden und ich schaue, was für ein Publikum uns erwartet. Mit guter Menschenkenntnis kann man gut entscheiden, was in die Setlist kommen und wie die Dynamik des Abends aussehen soll.
Wie verhält es sich bei Festivals?
Gerade bei solchen, die eher den Charakter eines Dorffests besitzen, musst du das Publikum abholen können, weil viele nicht wegen dir gekommen sind und dich vorher vielleicht nicht einmal gekannt haben. Wenn die Leute schwatzen, nimmst du die Gitarre in die Hände, spielst ganz leise, bis sie sich selbst reden hören und realisieren, dass etwas passiert. Dann kannst du wieder anziehen. Mit der Zeit und Erfahrung eignest du dir solche kleinen Tricks an.
Ist Songwriting bei Ihnen ein konstanter Prozess und halten Sie eine Songidee sogleich als (Sprach)notiz fest oder nehmen Sie sich bewusst Zeit dafür heraus?
Seit rund einem Jahr träume ich oft und ich schreibe diese Traummelodien dann jeweils auf. Ich wache manchmal mit einer Melodie im Kopf in der Nacht auf und halte diese als Sprachnachricht fest. Zudem bin ich an zwei Abenden pro Woche im Studio in St. Gallen und ein- bis zweimal wöchentlich gibt es eine Nachtsession nur mit mir alleine. Auf der anderen Seite gehe ich regelmässig mit Kollegen nach London, wo ich an Stücken schreibe und mich auch mit dortigen Songwritern treffe.
Wobei jeder Musiker einen eigenen Weg finden muss, welcher für ihn in Bezug auf das Songwriting der richtige ist.
Total und ich habe bereits verschiedenste Varianten getestet. Unter anderem schrieb ich schon nach dem Ausgang an Liedern. Nach einem tollen Abend mit vielen Eindrücken und getroffenen Leuten nehme ich mir eine halbe Stunde Zeit, greife zur Gitarre und versuche, den Abend zu reflektieren.

Marius Bear kann bereits jetzt auf ein erfolgreiches 2024 blicken. Bild: Rob Lewis Photography
Wie sehr brauchen Sie beim Songwriting und bei der Produktion Feedback von aussen, ob die Songidee gut ist?
Diesen Teil übernehmen meist mein Produzent sowie mein Management, die ihre Meinung äussern, ob die Liedidee aus ihrer Sicht zu mir passt oder nicht. Aber am Ende bin ich immer noch der Herr meiner eigenen Musik, wobei es auch Mut braucht, musikalisch das zu tun, was man möchte. Dieser Mut fehlte mir früher teilweise. Aber dies ist auch Teil des Findungsprozesses als Musiker. Es ist wichtig, Personen an seiner Seite zu haben, die von aussen ein konstruktives Feedback und eine neutrale Meinung äussern können. Es kommt auch vor, dass ich bei einem Song noch nicht glücklich mit dem Text bin und dann das Stück einer Kollegin aus London sende und dann besprechen wir das Ganze. Dieser Austausch kann sehr befruchtend sein. Auch bei den ganz grossen MusikerInnen unserer Zeit stammen die Songs aus mehreren Federn. Mit einer Grundidee als Basis holen sie sich von verschiedener Seite weitere Inputs ein. Indem man Synergien schafft, kommt man zum besten Werk von sich selbst.
Es gibt auch Songwriting-Camps, in denen sich anfangs fremde MusikerInnen beim Schreiben unterstützen. Ist dies für Sie ein Thema?
Ich habe bereits an einigen Songwriting-Camps teilgenommen, aber meist setze ich auf Songwriting mit ausgewählten Personen, die ich gut kenne. Diese Camps können etwas überfordernd sein, wenn mehr als zwei, drei Personen in einem Raum kreativ und am Schreiben sind. Denn Songwriting ist meist etwas Persönliches und Intimes. Entsprechend fällt es mir einfacher mit Leuten, die ich kenne und denen ich vertraue.
Wie oft kommt es vor, dass Sie an einer Liedidee basteln, diese dann in der Schublade ruhen lassen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder hervorholen?
Ich arbeite aktuell an einem Stück, zu dem ich die Grundmelodie bereits seit Januar habe, wobei diese immer weiter wuchs. Nun wird in nächster Zeit wohl eine Single daraus entstehen. Die Bedeutung eines Songs ergibt sich auch daraus, wie lange du dich damit befasst und wie nahe du ihn an dich heranlässt. Es kann sehr schön und wertvoll sein, Zeit mit einem Lied zu verbringen, weil dies das Stück schärft.
Klar, wenn man einen Song veröffentlicht, mit dem man sich nicht voll identifizieren kann, ist dies für einen Künstler bestimmt unbefriedigend.
Es ist natürlich ein Spagat, denn ist heutzutage alles sehr schnelllebig. Eine gewisse Produktivität ist zwingend, weil du es dir ansonsten aus Kostengründen gar nicht leisten könntest. Die Zeiten, als man von einem Album zwei Jahre lang zehren konnte, sind vorbei. Idealerweise bringst du alle paar Wochen eine neue Single heraus. Dadurch sinkt die tiefgründige Beziehung zum eigenen Stück etwas, aber du hast trotzdem den Input für die Streamingplattformen, Social Media, den Algorithmus etc.

Mit den Rappern Drini und L Loko nahm Marius Bear den Song «Chinder Si» auf. Bild: Instagram Marius Bear
Unter anderem deswegen handhaben es die meisten MusikerInnen und Bands so, dass sie immer mal wieder eine Single veröffentlichen und wenn es passt, erscheint eine EP oder LP, bei der man manche Songs entsprechend bereits kennt. Bedauern Sie es, dass das klassische Album an Bedeutung eingebüsst hat oder gilt es, den Zeitgeist anzuerkennen?
Tatsächlich beides. Man kann es bedauern und damit hadern, dass man vom CD-Verkauf nicht mehr leben kann, aber es ist nun mal so. Auch dass die Aufmerksamkeitsspanne rapide gesunken ist, trägt dazu bei, wobei sich dies nicht nur auf die Musik auswirkt. Bei Filmen ist es genauso: Wenn der Markt dein aufwendiges und umfangreiches Werk nicht anerkennt, verlierst du sehr viel Geld damit.
Wie handhaben Sie es?
Ich schreibe Alben, sprich Songs, die miteinander in einer gewissen Verbindung stehen – aber ich nehme es auseinander. Ich veröffentliche mehrere Singles, dann den ersten Teil des Albums, anschliessend wiederum Singles und dann den zweiten Teil. Jeder Song, den du nicht separat veröffentlichst, erfährt keinen Push und findet auf den Streamingplattformen keine Beachtung, doch die Kosten dafür sind trotzdem hoch.
Das heisst, es kann sogar eine Chance sein, wenn vermehrt Singles im Vordergrund stehen? Wenn ein ganzes Album aufs Mal veröffentlicht wird, drohen manche Lieder unterzugehen. So ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie jene Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen.
Das ist so, denn nur wenige KonsumentInnen hören ein Album von A bis Z. Meist werden Songs, die gefallen, auf eine Playlist gesetzt und somit aus dem Kontext des Albums herausgelöst. Der Rest der Platte findet entsprechend keine Beachtung.
Wie wichtig ist es als MusikerIn oder Band noch, ein «richtiges» Album im Palmarès stehen zu haben?
Es hat schon eine gewisse Relevanz, weil es zeigt, wofür du stehst. Ob du nun Indie-Pop, klassischen Pop oder Electro-Pop machst – du sprichst drei verschiedene Hörerschaften an.

Der 31-Jährige scheut sich nicht davor, über seine Gefühle zu singen. Bild: Rob Lewis Photography
Wie ist es in Ihrem Fall?
Ich bin schon immer ein Universalist gewesen und habe sozusagen ein Adele-Publikum. Ich habe viele Junge in meinem Publikum, viele in meinem Alter, aber auch Ältere. Es ist wirklich sehr breit und auch bezüglich politischer Ansichten ist alles vertreten – ich äussere mich politisch auch nicht.
Ein bewusster Entscheid?
Ja, denn ich bin der Meinung, dass für meine Musik, die aus meinem Herzen kommt, ich keine politische Meinung äussern muss. Die Musik soll jeden heilen und Liebe schenken. Dieses Universelle soll die Menschen auch zusammenbringen, denn Gräben gibt es in unserer Gesellschaft schon genug. Für mich funktioniert Musik und Kreativität jenseits von Politik. Bei anderen KünstlerInnen, die viel eher ein bestimmtes politisches Publikum mit ihrer Musik ansprechen, verhält es sich natürlich wieder anders.
Bei «Sing meinen Song – Das Schweizer Tauschkonzert» ging es darum, Lieder von anderen KünstlerInnen neu zu interpretieren. Könnten Sie sich vorstellen, in Zukunft vermehrt Lieder zu covern?
Ich mache dies ab und zu. Ich komme von der Strassenmusik und dabei musst du mit Covers beginnen, um Geld zu verdienen. Ich coverte alles von The Black Keys bis Taylor Swift. Wichtig dabei ist, das Stück auseinanderzunehmen und zu schauen, was die Bedeutung für dich ist. Bei «Sing meinen Song» sang ich «Hemmigslos Liebe» von Marc Sway. Ein zuckersüsses Lied, bei dem die Betonung im Original auf «Hemmigslos» liegt. Ich brach es auf die Gitarre runter, brachte etwas mehr «Dreck» rein und betonte den Schlusssatz des Refrains «Nur es fählt mer de Muet». So fügte ich eine leicht melancholische Note hinzu.

Bear war Teil der fünften Staffel von «Sing meinen Song – Das Schweizer Tauschkonzert». Bild: Sing meinen Song Schweiz
Nicht nur in dieser Sendung sangen Sie in Mundart. Sie haben letztes Jahr mit den beiden Zürcher Rappern Drini und L Loko den Song «Chinder Si» herausgebracht, dazu auch «I fahre hai für d’Wiehnacht». Wie sehr ist es jeweils eine Umstellung, auf Schweizerdeutsch zu singen?
Gar nicht. Ich singe gerne hin und wieder auf Schweizerdeutsch und werde immer mal wieder einen Mundart-Song produzieren. Es ist für die HörerInnen nochmals näher, weswegen es für mich jeweils echte Herzensprojekte sind. Das Problem ist bloss, dass es bei den Schweizer Radiosendern nicht allzu beliebt ist und man beschränkt sich dadurch selbst auf einen kleinen Markt.
Ja, der Schweizer Musikmarkt ist sehr begrenzt. Sind Sie mittlerweile an einem Punkt, daraus ausbrechen und vermehrt den Weg ins Ausland suchen zu wollen?
Es gab mal eine Zeit, als ich mit meinem Cover von «I Wanna Dance With Somebody (Who Loves Me)» regelmässig in den deutschen Radios gespielt wurde. Leider kam dann Corona dazwischen, was verhinderte, dass wir daran anknüpfen konnten. Verpasstes nachzuholen funktionierte auch nicht, da die Situation rund um die Pandemie immer noch zu instabil war. Es ist aktuell so, dass das Thema Ausland wieder aufkommen wird, aber dafür muss ich erst den Rahmen schaffen, also das richtige Team dafür finden.
Auf der anderen Seite bringt der kleine Schweizer Markt auch Vorteile mit sich. So kennt man sich und es ist einfacher, an Leute für Zusammenarbeiten zu kommen.
Das ist so und ich bin mittlerweile ein Teil der Schweizer Musikerfamilie, in der ich mich sehr wohl fühle. So ergaben sich in letzter Zeit zum Beispiel gemeinsame Auftritte mit Marc Sway und Stress.
Ende Jahr erscheint der zweite Teil von «When We Get There We’ll Know». Sie haben sich dazu entschieden, das Album in zwei Teilen zu veröffentlichen. Wird es musikalisch trotzdem einen roten Faden geben?
Was die Soundästhetik anbelangt, wird es den definitiv geben. Als ich in den 2000ern mit dem Musizieren begann, begleiteten mich die Songs von Bands wie Keane oder The Killers. Schon damals gefiel mir Musik, die berührt, handgemacht ist sowie die Gefühle in den Vordergrund stellt. Diesen Anspruch habe ich nun auch an mich. Die HörerInnen erwartet bei «When We Get There We’ll Know» Musik für die Seele.

Marius Bear singt nicht nur, sondern spielt auch Gitarre. Bild: Instagram Marius Bear
Entsprechend passend ist auch der Albumtitel.
Ja, dabei schwebt der Tod meines Vaters mit. Den Song für ihn habe ich noch nicht geschrieben, aber der Albumtitel und auch der gleichnamige Song sind an das Motto meines Vaters angelehnt, das er mir mitgab, als ich mit dem Musikmachen begann. «Du merkst dann, wenn du angekommen bist», sagte er. So gehe ich nun auch an die Musik heran: Ich mache, worauf ich Bock habe und dies mit 200 Prozent Einsatz, dann kommt es gut.
Geht dieses Motto über die Karriere hinaus und gilt grundsätzlich für das Leben?
Ja, ohne einfach zu machen, wäre ich gar nie an die Musik herangekommen. Ich habe mich damals einfach mal als Strassenmusiker versucht. Damit man überhaupt in eine Richtung kommt, muss man den Mut haben, zu machen und zu entscheiden. Heutzutage haben wir oftmals Probleme damit, Entscheidungen zu treffen. Dabei schärft dies den Weg und man kommt dorthin, wo man hin möchte. Gerade heute ist dies jedoch nicht leicht, da uns sämtliche Möglichkeiten offenstehen. Dies verleitet dazu, Entscheidungen so lange hinauszuzögern, dass man nicht vorwärtskommt.
Sie waren musikalisch und studiummässig schon in New York und London unterwegs. Haben Sie sich manchmal die Frage gestellt, ob die Schweiz überhaupt bereit ist für die Musik, wie Sie sie dort kennengelernt haben, als Sie zurückkamen?
Wir sind mittlerweile so vernetzt, dass sich dies in den vergangenen zehn bis 15 Jahren verändert hat. Aber früher war es tatsächlich so, dass manche Trends erst später bei uns ankamen. Mir fällt dabei immer das Beispiel der Pokémon-Karten ein. Ich kam mit solchen von Australien, wo der Hype darum bereits gross war, in die Schweiz zurück. Aber hier kannte man dies noch gar nicht und es stiess auf Ablehnung. Gut ein halbes Jahr später fragten mich plötzlich alle nach meinen Karten, weil es mittlerweile in war. Diesen Verzug spürte man bis zur heutigen Gesamtvernetzung stets. Einen Verzug gibt es zwar noch, aber er ist kleiner geworden. Ausserdem gehen heutzutage zahlreiche Trends parallel miteinander einher, sodass man den Eindruck gewinnen kann, es gibt gar keine Trends mehr. Sei dies in der Musik oder in der Mode. Entsprechend glaube ich, dass es künftig auch nicht mehr viele Superstars geben wird. Taylor Swift könnte eine der letzten sein.
Könnten Sie sich vorstellen, in den kommenden Jahren in eine Metropole wie New York oder London zu ziehen?
Es ist wichtig für mich, immer mal wieder dorthin zu gehen und mich kreativ befruchten zu lassen. Aber gleich ein Umzug – ich weiss nicht. Ich bin ein totaler Landmensch und würde am liebsten in einen Bauernhof irgendwo in den Bergen ziehen. Grossstädte sind extrem spannend, aber es gibt auch sehr viel Ablenkung, was für den eigenen kreativen Weg nicht förderlich ist. Für die grösstmögliche Selbstverwirklichung mit deiner Musik braucht es dich und einige wenige ausgewählte Menschen an deiner Seite und man muss nicht überall dabei sein.
Sie sind nicht der einzige Appenzeller Musiker, der aktuell durchstartet, sondern erobert auch Riana die Schweizer Popwelt. Ist dies reiner Zufall oder sind die AppenzellerInnen überdurchschnittlich musikalisch?
Das ist das Appenzeller Bier (lacht). Ich kenne Riana schon lange und sie war bereits vor drei Jahren der Support-Act auf meiner Tour. Ich bin immer für sie da, falls sie irgendwo Unterstützung benötigt. Wir tauschen uns auch regelmässig aus.
Wer weiss, vielleicht bildet sich irgendwann ein Appenzeller Musik-Hub.
Genau, zumal die Ostschweiz generell viele aufregende MusikerInnen zu bieten hat: Crimer, Joya Marleen, San Silvan, Remo Forrer, Knöppel, um einige zu nennen.
Zur Person Marius Bear, bürgerlich Marius Hügli, wächst in Appenzell auf und absolviert eine Ausbildung zum Baumaschinenmechaniker, bevor er sich mit 21 Jahren dazu entscheidet, als Strassenmusiker durch die Schweiz und Deutschland zu touren. Später wird er nach New York eingeladen, wo er Teil der dortigen Schweizer Kunst- und Kulturschaffenden-Szene wird. 2017 heisst es dann «London Calling»: In der britischen Hauptstadt studiert Marius Bear am British and Irish Modern Music Institute für ein Jahr Music Production. Parallel dazu nimmt er an Sessions mit bekannten Songwritern teil. 2018 und 2019 veröffentlicht er seine ersten beiden EPs «Sanity» und «Not Loud Enough». Einer grösseren Öffentlichkeit wird der Appenzeller 2020 mit seinem Auftritt in der RTL-Show «I Can See Your Voice» bekannt. 2022 wird Marius Bear dann auf die ganz grosse Bühne katapultiert, denn er vertritt am Eurovision Song Contest in Turin mit dem Song «Boys Do Cry» die Schweiz und belegt den 17. Platz. Im selben Jahr erscheint sein gleichnamiges Album. Gleichzeitig wird bei seinem Vater Ulrich ein bösartiger Hirntumor festgestellt. Im Sommer 2023 schliesslich verliert Ulrich Hügli den Kampf. Zu Beginn des letzten Jahres springt Marius Bear gemeinsam mit Marc Sway bei Art on Ice für den Hauptact Rag'n'Bone Man ein. Der Singer-Songwriter präsentiert im Frühjahr 2024 den ersten Teil seines neuen Albums «When We Get There We’ll Know» – Ende Jahr wird Teil zwei folgen. Im Herbst geht er auf Tour, die am 13. September in der Chollerhalle Zug beginnt. Im Frühling dieses Jahres nimmt Bear ausserdem an der fünften Staffel von «Sing meinen Song – Das Schweizer Tauschkonzert» teil. Der 31-Jährige wurde schon zweimal mit einem Swiss Music Award ausgezeichnet: 2019 als «Best Talent» und 2023 als «Best Breaking Act». Seit Mai ist er verlobt.