Nicht nur müssen Kulturschaffende oftmals mit einem bescheidenen Einkommen über die Runden kommen und ihre Altersvorsorge finanzieren, sondern ist es auch alles andere als leicht, bei den Sozialversicherungsgesetzen den Überblick zu bewahren, um sein Recht geltend zu machen. Ein neuer Ratgeber soll hierbei nun Abhilfe schaffen.
Muss ich Preise und Stipendien versteuern? Wie kann ich auf meinen einzelnen Honoraren für Lesungen AHV abrechnen? Was soll ich tun, wenn ich im Ausland gelebt und keine AHV einbezahlt habe?
Solche und viele weitere Fragen, welche die soziale Sicherheit betreffen, stellen sich Kulturschaffende regelmässig. So simpel die Fragen teilweise sein mögen, so komplex können die Antworten darauf sein – oder nur schon die Suche danach. Während der Pandemie akzentuierte sich dies zusätzlich: Es schwirrten zahlreiche Gesetzestexte umher und die Kulturschaffenden waren dazu gezwungen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dabei zeigte sich, wie schwierig dies für viele Kulturschaffende ist. Jene, die an Berufsverbände angeschlossen sind, konnten dabei einfacher an diese Informationen gelangen, da die Verbände die Inhalte immer wieder zusammenfassten und sie in eine verständliche Sprache übersetzten.
Umso wertvoller wäre ein Ratgeber für Kulturschaffende, in dem sie Antworten zu allen zentralen Fragen rund um soziale Sicherheit finden. Dazu gehören faire Arbeitsbedingungen ebenso wie die Altersvorsorge, Familienzulagen, Entschädigungen bei Erwerbsausfall sowie steuer- und arbeitsrechtliche Fragen. Anfang letzten Jahres schickte sich Suisseculture Sociale an, das Projekt eines solchen Ratgebers in die Tat umzusetzen. Suisseculture Sociale ist der sozialpolitische Lobbyverband für Kulturorganisationen und gleichzeitig Träger des eigenen Nothilfefonds, den Suisseculture Sociale seit seiner Gründung 1999 hat. Das Projekt wurde unter dem Namen «Artists Take Action» gemeinsam mit dem Schwesterverband Suisseculture sowie den Partner- und Berufsverbänden initiiert.
Ein umfangreiches Nachschlagewerk
Benedikt Wieland ist Mitinitiator und Projektleiter von Artists Take Action sowie ehemaliges Vorstandsmitglied bei Suisseculture Sociale. Als er im Februar 2023 die Projektstelle übernahm, orientierte man sich noch an der zeitlichen Vorgabe einer Veröffentlichung bis September 2023. Doch schnell wurde der Aufwand sowie das Projekt grösser, und für alle Beteiligten wurde klar, dass ein Projekt in dieser Grössenordnung nicht in acht Monaten realisiert werden kann. Die gewachsenen Dimensionen schlagen sich auch im Umfang des Ratgebers nieder, der ausschliesslich online erscheinen wird, wie Wieland erklärt: «Zu Beginn gingen wir von rund 120 Seiten aus, dann rechneten wir mit einer Verdoppelung und nun sind wir bei über 400 Seiten. Und noch immer haben wir Themen, die textlich bereits produziert worden sind, welche wir aus zeitlichen und/oder finanziellen Gründen jedoch zurückstellen mussten.»

Die Schauspielerin Wanda Wylowa ist eine der Protagonistinnen der Kampagne. Bild: zVg
Denn jeder Text bringt unter anderem durch das Korrektorat und Übersetzungen – der Ratgeber erscheint auf Deutsch, Französisch und Italienisch – Folgekosten mit sich. Ausserdem bezogen die Macher externe Fachexpertise von Juristinnen, Sozialversicherungsexperten und Vertreterinnen aus der Kultur mit ein. Insgesamt waren es 50 bis 60 Personen inklusive Projektgruppe, die am gesamten Projekt mit Expertise oder durch aktive Mitarbeit beteiligt waren. «Viele davon sind Kulturschaffende, die das Ganze selbst miterlebt haben», sagt Wieland. Er selbst ist ausgebildeter Musiker und beschäftigt sich schon seit zehn Jahren in seinen verschiedensten Tätigkeiten mit sozialer Sicherheit im Kulturschaffen.
Wo das Atypische typisch ist
Entsprechend weiss Wieland, weshalb sich gerade Kulturschaffende häufig in einer prekären Situation befinden, was die soziale Sicherheit anbelangt. «Die Kultur ist hinsichtlich der hybriden oder atypischen Beschäftigungsformen ein Spezialfall.» So ist eine Selbstständigkeit mit einer kleinen Anstellung nebenbei üblich. Auch mehrere befristete Anstellungen bei verschiedenen Projekten gleichzeitig kommen häufig vor. So ergibt sich ein komplizierter Flickenteppich von Erwerbsformen, auf den das Schweizer Sozialversicherungssystem nicht ausgelegt ist. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass eine Person Vollzeit und möglichst bei einem Arbeitgeber arbeitet.
«Nach wie vor ist Kultur eine jener Branchen, bei der solche atypischen Arbeitsweisen absolut typisch sind. Aber: Dies wird immer mehr zunehmen in der sogenannten Gig Economy in den neuen Arbeitsformen wie zum Beispiel bei Uber-Fahrern – also selbstständige Dienstleister, die für eine Plattform Produkte austragen», erklärt Wieland. Er fordert entsprechend eine grundlegende Reform des Sozialversicherungsgesetzes, damit dort alle Erwerbsformen abgedeckt sind.

Für Benedikt Wieland folgen nun andere Projekte, unter anderem wieder vermehrt als Musiker. Bild: zVg
Doch ist sich der Mitgründer des grössten hiesigen Berufsverbands der freischaffenden Musikerinnen Sonart – Musikschaffende Schweiz bewusst, dass es hierzulande extrem schwierig ist, Sozialreformen durchzubringen. Jene zur 13. AHV-Rente stellte dabei einen Ausnahmefall dar. «Umso schwieriger in Bezug auf Kultur wird es, wenn man ihr einen Sonderstatus zuschreibt, wie es ihn in Frankreich (intermittent du spectacle) oder in Deutschland mit der Künstlersozialkasse gibt. Dies wird hierzulande nicht verfolgt», führt Wieland aus. Er erinnert in diesem Zusammenhang auch an die politischen Mehrheiten in Bundesbern – und dass die Kultur in bürgerlichen Kreisen einen schweren Stand hat, ist kein Geheimnis. «Wo man Potenzial sieht, ist bei bestehenden Gesetzen auf Lücken aufmerksam zu machen. Beispielsweise dass man bei der Kultur sagt, es gibt für die AHV keine Eintrittsschwelle.» Denn unter 2300 Franken ist der Arbeitgeber nicht verpflichtet, AHV-Abzüge zu gewährleisten. So könnten Kulturschaffende schon ab einem Franken angestellt sein und entsprechend AHV erhalten.
Wohin mit dem wenigen Geld?
Die Altersvorsorge ist generell ein Thema, an das viele Kulturschaffende mit einem unguten Gefühl denken. «Altersarmut ist eines der dominierenden Themen», sagt Benedikt Wieland entsprechend. So zeigt eine Studie von Suisseculture Sociale in Zusammenarbeit mit Pro Helvetia und dem Umfragebüro Ecoplan, dass 60 Prozent der Kulturschaffenden von einem Medianeinkommen von 40’000 Franken leben, wobei sich dieser Betrag auf sämtliche Einkommen bezieht. Also auch auf solche, die ausserhalb der Kultur generiert werden.

Schriftsteller Andrea Fazioli bringt sein Dilemma auf den Punkt. Bild: zVg
«Bei einem solchen Medianeinkommen in einem Hochpreisland wie der Schweiz ist es immer ein Trade-off», erklärt Wieland. Es gelte abzuwägen, ob man jetzt ein bisschen des wenigen Geldes, das man zur Verfügung hat, für die Vorsorge auf die Seite tut. Dafür muss aber auf Bedürfnisse verzichtet werden, die für andere Personen üblich sind wie als selbstständig Erwerbende eine Krankentaggeldversicherung zu haben, damit allfällige Ausfälle gedeckt sind. «Wenn man schaut, was eine Person mit einem solchen Einkommen schliesslich für eine Rente erhält, ist es in der Regel oftmals so, dass die Person von Ergänzungsleistungen abhängig sein wird, es ist nur die Frage wie viel.» Soll man also von diesem kleinen Einkommen etwas auf die Seite legen oder dafür sorgen, dass man in seiner aktuellen beruflichen Situation bestmöglich abgesichert ist? So oder so sind die Aussichten nicht rosig.
Die Arbeit geht weiter
Ende November wird der Ratgeber und somit das Projekt an Suisseculture Sociale übergeben. Offiziell lanciert wurde der Ratgeber am 27. September, wobei gleichzeitig eine Sensibilisierungskampagne startete, um auf den neuen Ratgeber aufmerksam zu machen.
Anschliessend geht die Arbeit daran freilich weiter, denn handelt es sich dabei um «Work in Progress». Einerseits werden Themen, die bis zum Launch zurückgestellt werden mussten, integriert und ausserdem müssen die Zahlen und Fakten stets auf dem neuesten Stand gehalten werden. Wieland betont, dass es sich bei Artists Take Action um ein Pilotprojekt handelt, bei dem entsprechend neue Wege beschritten wurden und nur auf wenige Erfahrungswerte zurückgegriffen werden konnte. «Der Bedarf für einen solchen Ratgeber ist auf jeden Fall mehr als gegeben und ich bin überzeugt davon, dass dieser zum Referenzwerk für die gesamte Kulturbranche wird und vielleicht ein Vorreiter sein kann für andere Branchen, in denen atypische Arbeitsverhältnisse immer mehr zunehmen.»