Ein neuer Trend hat die Kunstwelt und Popkultur erobert – mit Wow-Effekt, leuchtenden Farben und beeindruckenden Motiven begeistert immersive Kunst ein grosses Publikum. Als frisches Format in der Kunstwelt stellt sie eine neue Möglichkeit dar, Kunst zu erleben und Wissen zu erlangen.
Eine umwerfende Farbenwelt, in der sich Landschaften entfalten, Figuren bewegen und die Besucherschaft Teil des Kunstwerks ist – Immersive Kunst – ein solches Erlebnis bieten Ausstellungen der immersiven Kunst. Hier dominieren Lichtprojektionen, die mit unterschiedlichen Hilfsmitteln wie Skulpturen und Möbeln, Spiegeln und von der Decke hängenden Dekorationen eine Fantasiewelt schaffen. Mit Musik abgerundet, schafft dieses Ambiente einen überwältigenden Effekt, der in gewisser Weise an einen psychedelischen Rausch erinnern kann.
Diese neue Sparte der digitalen Kunst hat sich in den letzten Jahren einen bedeutenden Namen in der Kunstwelt gemacht. Die erste Ausstellung dieser Art, welche eine gewaltige Popularität erreicht hat, ist «Van Gogh Alive». Seit ihrer Premiere 2008 sind über 8,5 Millionen Besucherinnen in 80 Städten in van Goghs Welt eingetaucht. Auf den ersten Blick scheint diese neue Ausdrucksform positiv zu beeindrucken und manche begeisterte Stimmen mögen behaupten, dass dieser Trend die klassischen Kunstformen in den Hintergrund drängen wird.

«Van Gogh Alive» war die erste Ausstellung aus dem Bereich der immersiven Kunst, die die Welt erobert hat. Bild: Facebook Van Gogh Alive – The Experience
Kreativdirektor Roman Beranek sieht dies anders: «Immersive Kunst ist eine neue Ausdrucksform, die zu den verschiedenen Kunstformen dazugestossen ist, sie jedoch wohl kaum ersetzen wird.» Beranek ist Partner des international erfolgreichen Künstlerkollektivs Projektil in Zürich, welches eine Speerspitze der Gestaltung von digitaler und immersiver Kunst bildet. Er erinnert daran, dass als das neue Medium Film vorgestellt wurde, ebenfalls gerätselt wurde, ob nun das Theater und das geschriebene Wort verdrängt werden würden. Dazu ist es bekanntlich nicht gekommen, dafür hat der Film eine neue Möglichkeit geliefert, Geschichten zu erzählen.
«Auf diese Weise bietet auch der immersive Ansatz eine Gelegenheit, Kunst auf eine neue Art zu entdecken, zu staunen und etwas Neues zu lernen», sagt Beranek. Solche Shows seien zum Beispiel wertvoll, um das jüngere Publikum mit modernen Mitteln für Opern oder klassische Musik zu begeistern – beides Bereiche der Kultur, die Besucherinnen im eher reiferen Alter anziehen. Mit Shows wie «Mozart Melodies» von Projektil können solche Kunstformen auf eine neue Art präsentiert werden.
Ein Ozean in der Kirche
Vorwissen oder das Lesen von Texttafeln ist nicht nötig, um immersive Kunst zu geniessen, da je nach Ausstellung die Hintergründe zu den Kunstwerken ab Band vorgelesen werden. Kunstmuffel und die jüngsten Besucher können so auf Sitzkissen entspannen, durch die Projektionen schlendern und mit dem Licht auf der Haut oder dem eigenen Schatten auf dem Boden oder auf einer Leinwand spielen, während sie stetig mit Informationen über die Künstlerin und ihr Werk berieselt werden.
Solches Edutainment – die Kombination von education und entertainment, von Bildung und Unterhaltung, – gewinnt in vielen bildenden Bereichen an Popularität. So überrascht es nicht, dass auch die Kunstwelt von diesem Ansatz Gebrauch macht. «Immersive Kunst ohne eine Geschichte dahinter, die Emotionen vermittelt, wird schnell langweilig», erklärt Beranek. Deswegen sucht das Kollektiv Projektil mit seinen Shows stets Wissen zu vermitteln, zum Beispiel über Künstler, die Tierwelt oder den Klimawandel. Mit der richtigen Balance zwischen Unterhaltung und Bildung entsteht ein familienfreundliches Format, das Kinder und Erwachsene zugleich anspricht.

Roman Beranek entwickelt im Künstlerkollektiv Projektil immersive Kunst. Bild: zVg
Bei Edutainment stellt sich schnell die Frage, ob sich die Besucherschaft daran gewöhnen wird, Kunst in dieser einfachen Darbietungsform zu konsumieren und so ein Teil des kulturellen Erbes verlorenzugehen droht. Beranek widerspricht: «Ich sehe immersive Kunst in diesem Zusammenhang als eine Möglichkeit, das Interesse der Zuschauerschaft zu wecken und sie auf gewisse Themen aufmerksam zu machen, doch nicht als Ersatz für andere Bildungsmittel.» Im spielerischen Rahmen der Show können zum Beispiel Zahlen und Fakten über die Unterwasserwelt oder den Klimawandel vermittelt werden. Edutainment ist ein weiter Begriff und bedeutet im Grunde schlicht spielerisches Lernen, was einen einfachen und schnellen Lernweg darstellt, von dem Schulen gerne Gebrauch machen. Entsprechend hat das Projektil zahlreiche Grundschulklassen bei seiner Show «Pixel Zoo Ocean» über den Ozean begrüsst. Die Show bleibt dabei keineswegs die einzige Wissensquelle für die Schulkinder – die Lehrpersonen können ein passendes Lernprogramm um den Besuch herum gestalten.
Storytelling mal anders
Wem eine solche immersive Show beim ersten Mal nicht zugesagt hat, sollte nicht gleich auf Distanz zu dieser Kunstform gehen, denn: «Immersive Kunst ist nicht gleich immersive Kunst», betont der Kreativdirektor. Deswegen lohne es sich, Shows und Installationen von verschiedenen Produzenten zu sehen, um herauszufinden, welche Produzentinnen einen am stärksten in den Bann ziehen. «Um eine erfolgreiche Produktion zu gewährleisten, ist es entscheidend, den Besucher geschickt zu lenken, ihn von Anfang an in das Thema einzubeziehen, ihn durch unerwartete Elemente zu begeistern und ihm einen behaglichen Raum zu bieten, um die Installation in aller Ruhe erleben zu können», erklärt Beranek.
Ansonsten drohe man eine wenig überzeugende Show zu gestalten, wenn man an längst bekannten Effekten, Wendungen und Kombinationen festhält. Dafür lässt sich das Künstlerkollektiv laufend inspirieren, und zwar von allem, was es sieht und erlebt, aus allen möglichen Sparten der Kultur und Gesellschaft. Auch bemüht es sich, nicht nur ästhetische Bilder zu vermitteln, sondern mit seiner Kunst relevante Themen aufzugreifen.
Moderne Meditation
Was jedoch nicht bedeutet, dass reine Ästhetik keinen Platz beim Projektil hat. Diese ist mit einem interessanten Aspekt der immersiven Kunst verbunden – ihrer spirituellen Seite. Meditative Shows wie diejenigen vom Projektil bestehen rein aus Farben, Formen und Musik, so wie die Lichtshow «Genesis» oder die neuere Show «Infinity», die Anfang des Jahres in der Citykirche Offener St. Jakob in Zürich vorgeführt wurde. Diese Shows laden dazu ein, sich 30 Minuten lang dem Thema Unendlichkeit zu widmen, während die Projektionen mit Bildern, die an einen psychedelischen Rausch erinnern, den Zuschauerinnen ein Gefühl von Demut und Kleinsein vermitteln.

Die Show «Genesis» vom Projektil erlangte international Bekanntheit und wurde nebst der Schweiz auch in Deutschland, England und Frankreich präsentiert. Bild: Facebook Seitenstopper
«Ein solches Erlebnis ist im Grunde moderne Meditation, weil diese Shows das gleiche Gefühl von Zeitlosigkeit vermitteln, was einen Kontrast zur modernen, schnelllebigen Welt schafft», sagt Beranek. Auch aktuell arbeitet das Projektil an einer solchen Meditationsshow, einer Produktion zum Thema Natur, sowie an der nächsten Weihnachtsshow – allfällige Details bleiben vorerst noch geheim. Sicher ist jedoch, dass die Besucherinnen auch weiterhin in spektakuläre Farbenwelten werden eintauchen können.