Anfeindungen, Beleidigungen und Droh ungen gehören für viele Frauen in den sozialen Medien zum Alltag. Die Folgen sind Unwohlsein oder sogar Angst und Panik. Ipsos Mori hat im Auftrag von Amnesty International in acht Ländern eine Befragung
durchgeführt – mit erschreckenden Ergebnissen.
Die Befragten berichten von Stress, Angst und sogar Panikattacken. Sie leiden auch unter einem geringen Selbstwertgefühl und bewusstsein, wenn sie sich mit Anfeindungen im Netz auseinandersetzen müssen. „Es ist kein Geheimnis, dass Hass und Missbrauch in den sozialen Me dien florieren.Das Internet kann für Frauen ein bedroh licher und gefährlicher Ort sein. Doch diese Umfrage zeigt konkret, wie einschneidend die Folgen des OnlineMissbrauchs für die Betroffenen sind“, sagt Azmina Dhrodia, Expertin für neue Techno logien und Menschenrechte bei Amnesty International, zu den Ergebnissen.
Knapp ein Viertel der befragten Frauen ist mindestens einmal zum Opfer von Beleidigungen und Missbrauch in sozialen Netzwerken geworden. Rund 40 Prozent gaben an, dass sie sich mindestens einmal durch diese OnlineErfahrungen körperlich bedroht fühlten. In knapp der Hälfte der Fälle waren die Hassbotschaften frauenfeindlichen oder sexistischen Inhalts. „Das hört nicht einfach auf, wenn du dich ausloggst. Stell dir vor, du erhältst Mord oder Vergewaltigungsdrohungen, wenn du eine OnlinePlattform
besuchst oder du befürchtest, dass Fotos mit privatem odersexuellem Inhalt ohne dein Einverständnis im Internet geteilt werden könnten“, meint Dhrodia.
UNTER 200 MORDDROHUNGEN IST EINER DABEI, DER AUS WORTEN TATEN MACHT
USAktivistin und Bloggerin Pamela Merritt kann die Ergebnisse bestätigen: „Ich habe mich quasi bereits damit ausgesöhnt, dass ich irgendwann für die Arbeit, die ich tue, sterben werde. Das könnte tatsächlich so passieren. Wenn du täglich bis zu über 200 Drohungen erhältst, reicht bereits eine Person aus, die dich wirklich umbringen möchte.“ Die Folgen daraus sind nicht ohne: 61 Prozent der betroffenen Frauen gaben ein vermindertes Selbstwertgefühl und den Verlust des Selbstvertrauens an. Mehr als die Hälfte nannte als Folge Stress, Angst oder Panikattacken. Schlafstörungen waren für 63 Prozent eine Nachwirkung. Missbrauch oder Belästigungen haben für mehr als die Hälfte dazu geführt, dass sie sich über längere Zeit nicht mehr konzentrieren konnten. Ein Viertel fürchtete sogar um die Sicherheit ihrer Familie.
HASS IM NETZ FÜHRT BEI FRAUEN ZUR SELBSTZENSIERUNG
Doch nicht nur psychische Belastungserscheinungen sind die Folge. Drei Viertel der Opfer änderten daraufhin grundlegend ihr Verhalten. So haben 32 Prozent sich selbst zensiert und ihre Meinung zu bestimmten Themen nicht mehr geteilt. Das ist ein deutlicher Einschnitt in das Recht auf freie Meinungsäusserung. „Soziale Netzwerke müssten sich des Problems ernsthaft annehmen“, forderte AmnestyExpertin Azmina Dhrodia der Mitteilung zufolge. „Die besondere Gefahr von OnlineBeschimpfungen ist, wie schnell sie sich ausbreiten –ein beleidigender Tweet kann sich innerhalb von Minuten in ein Bombardement gezielten Hasses ausweiten“, soDhrodia.
Die Massnahmen der Internetfirmen gegen die Anfeindun gen findet nur ein Fünftel ausreichend. Amnesty International ist jedoch der Meinung, dass das Recht auf freie Meinungsäusserung und der Schutz dessen je nach Art und Schwere eine Reaktion von Regierungen und Unternehmen erfordert.
Der Hass im Netz kann ganz verschiedene Formen annehmen. Die Opfer werden mit Kommentaren oder EMails attackiert oder es werden (persönliche) Dateien der Betroffenen ohne das Einverständnis veröffentlicht und verbreitet (sogenanntes Doxxing). Ersteres hat vor allem das Ziel die Betroffenen zu erniedrigen oder in irgendeiner Art und Weise zu erschüttern. Doxxing zielt vor allem auf die Verletzung der Privatsphäre ab und versetzt die Leidtragenden in Panik. Das kann auch das Verbreiten sexueller und privater Bilder bedeuten. Immerhin zehn Prozent der Frauen haben das schon einmal erlebt. Jeweils 500 Frauen im Alter von 18 bis 55 Jahren in Dänemark, Italien, Neuseeland, Polen, Spanien, Schweden, Grossbritannien und den USA wurden zu ihren Erfahrungen mit Hass in sozialen Medien befragt.